wahre Liebe Sandra Schmid

Der Mann und das Meer – eine Begegnung mit Folgen

Mein Pass ist nicht rechtzeitig vom Konsulat zurück. Für meine 4 wöchige Katamaran Tauchtour, die in zwei Wochen losgeht, brauche ich ein Visum. Ein Telefonat mit der Dispo steht an. Mein Flugeinsatz vom Nachmittag wird wohl ins Wasser fallen. Ohne Pass kann ich unmöglich fliegen. Keine Chance. Jemand aus dem Reservedienst wird diese Rotation für mich übernehmen müssen. Nach einem kurzen, ungemütlichen Schweigen auf der anderen Seite der Leitung, ist Improvisation gefragt. Denn es gibt niemanden mehr auf Reserve.

So soll ich also auf der Post anrufen und fragen, wann die nächste Sendung eintrifft. In der Hoffnung, mein Pass sei dabei, schmeisse ich mich in meine Uniform und gehe mit gepacktem Koffer und Crewbag zur Post. Zum Glück ist es Samstag und mein Freund hat frei. Er fährt mich, denn um mit den ÖV rechtzeitig am Flughafen zu sein, ist die Zeit zu knapp.

Gemeinsam warten wir also auf der Post bis die besagte Sendung eintrifft. Endlich! Die Beamte am Schalter geht alles durch, Stapel um Stapel, und, yes ! Mein Pass ist da! Ein o.k. an die Dispo und los gehts. Mit Vollgas und quietschenden Reifen rasen wir zum Flughafen. Diesmal bin ich froh um sein heissblütiges Temperament. Andere Male hat es uns viel Kraft und Tränen geraubt und ich wusste haargenau wie es zu entzünden war.

Ich renne, meinen Badge in der Hand und den Koffer im Schlepptau, durch das OPS auf den Tarmac wo das Flugzeug startklar ist. Crew und Passagiere sind bereits alle an Bord. Sie warten. Auf mich. Kaum hab ich die letzten Stufen zum Eingang des Airbus erklommen, wird die Treppe weggefahren und wir rollen Richtung Startpiste. Geschafft.

Meine Freundin und ich haben diese Malediven Rotation zusammen als Wunsch eingegeben, da wir vorhaben, in diesen Tagen auf der Insel gemeinsam den Rescue Diver zu machen. Schliesslich müssen wir ja warten, bis der nächste Flieger zurück nach Zürich fliegt. Nach 10 Stunden Bordarbeit brauchen wir eine gesetzliche Pause, und die soll sinnvoll auf den Malediven abgesessen werden. 🙂

Wir sind so wild auf`s Meer, dass wir sogar Einnächter mit Kollegen abtauschen, nur um für wenige Stunden dem Rauschen der Wellen zu lauschen und barfuss im Sand unter Millionen von Sternen einen Long Island Ice Tea zu geniessen und über Gott und die Welt zu philosophieren.

Dieses Mal haben wir etwas mehr Zeit. Die feuchtheisse Morgenluft begrüsst uns, kaum sind die Türen des Airbus entriegelt. Eine kurze Überfahrt mit dem Speedboat und einen Welcomdrink später sind wir auf unserer geliebten Insel. Wir werden von einem jungen Mann von seiner Veranda aus beobachtet, wie wir müde kichernd und plaudernd, unsere Crewbags hinter uns her ziehend, langsam Richtung Bungalows davon schlendern.

Am kommenden Morgen sind wir früh wach und freuen uns auf unseren ersten Tauchgang. Das kleine Boot ist schnell voll und die Plätze auf den Bänken belegt. Meine Freundin hat sich grade noch einen für sich ergattert. Damit ich mich neben sie setzen kann, stelle ich mich vor 4 grosse Jungs, die sich ziemlich breit machen, und sage vorlaut und mit in die Hüften gestemmten Händen; Wenn ihr alle eine Pobacke rüber rutscht, hat meine auch noch Platz auf dieser Bank.

Langsam hebt der direkt vor mir sitzenden Unbekannte seinen Kopf und unsere Blicke treffen sich. Für einen Moment bleibt mir der Atem weg, wenigstens nicht unter Wasser, und ich schaue in zwei wunderschöne, helltürkisfarbene Augen. Sie scheinen direkt mit dem Meer im Hintergrund zu verschmelzen. Die Welt hört für einen kurzen Moment auf sich zu drehen und wir schauen uns einfach an.

Dann rutschen sie alle, wortlos, und ich setze mich neben den Mann mit Augen wie das Meer und meine Freundin. Sie lacht und ich bin hin und weg.

Wir sind Buddy`s, meine Freundin und ich. Wir tauchen schon lange zusammen, kennen uns gut und haben blindes Vertrauen ineinander. Unser Luftvorrat reicht ewig und wir sind meist die Letzten, die auftauchen. Doch diesmal wird unserem Tauchgang mit einem heftigen, lauten Knall ein abruptes Ende gesetzt. Mein Schlauch ist geplatzt. Die Luft entweicht in Sekundenschnelle und wir müssen einen Notaufstieg machen.

Während meine Freundin wieder abtaucht und sich anderen Tauchern anschliesst, hieve ich mich meine Flasche, den Bleigurt und die Flossen aufs Boot und mache mich auf ein langes Warten alleine an Deck gefasst. Doch schon kurz darauf künden grosse Blasen an der Oberfläche bereits den nächsten Taucher an. Es ist der Mann mit den türkisfarbenen Augen!

Die Magie des Augenblicks. Zeit für uns allein. Wir stellen uns vor, fragen, erzählen und bevor wir uns versehen sind auch die restlichen Taucher, einer nach dem anderen, wieder zurück auf dem Boot und tauschen wild gestikulierend und lachend ihre Unterwasser-Erlebnisse aus.

Die folgenden drei Tage haben wir zu sechst verbracht. Getaucht, gelacht, gegessen, getanzt, und am letzten Abend der erste Kuss. Der Zufall hat es so geplant, dass er mit seinen drei Reisebegleitern tatsächlich genau auf unserem Flug für die Heimreise gebucht ist, mit uns zurück fliegt und erst noch in unserem Service sitzt! Wir verwöhnen sie mit Champagner und Snacks und ich nehme jede Gelegenheit wahr, bei ihm vorbei zu gehen.

Telefonnummern werden ausgetauscht und bereits am nächsten Tag ist ein erstes Treffen vereinbart. Noch knapp eine Woche bevor mein 4 wöchiger Katamaran-Trip losgeht. Mir steht noch ein sehr ernstes Gespräch bevor zu Hause, denn was mir da passiert ist, ist Liebe auf den ersten Blick, Ironie des Schicksals, von grosser Hand geplant, gemacht für die Zukunft.

Dieser Mann ist es auch, der mich am Ankunftstag gesehen hat an seiner Veranda vorbeigehen. Später hat er mir erzählt, eine intuitive Eingebung habe ihn in jenem Moment wie ein Blitz durchfahren und ein klares Bild geschickt. Das Bild, dass hier grade seine zukünftige Frau vorbei gehe.

Diese Aussage und all die Umstände und Hindernisse, die mir auf dieser Rotation begegnet sind, haben mich immer wieder darin bestärkt, dass es das Schicksal so geplant und gewollt hat, dass wir füreinander bestimmt sind, und dass es jetzt an mir ist, auch die schwierigsten Stolpersteine in unserer Beziehung zu überwinden und einfach nur die Liebe zu sehen, die uns zusammengefügt hat.

Auf derselben Insel hat er mich, nur wenige Monate später, gebeten seine Frau zu werden. Die Folgen dieser Begegnung sind 22 Jahre Ehe und drei wundervolle Kinder, die übrigens jetzt alle schon tauchen.

Dieser Mann und das Meer haben einen Platz ganz tief in meinem Herzen und in meiner Seele, und wer mich auch nur ein bisschen kennt, weiss und sieht, dass die Farbe Türkis ein nicht von mir wegzudenkender Teil geworden ist. Oder immer schon war?

Wunderschön eure Geschichte, liebe Barbara V.! Danke, dass du sie mit uns teilst.

1 Comment

  • Jane

    Reply Reply 13. Juni 2017

    Sehr inspirierend. Mir ist auch kürzlich so etwas passiert. Ob 22 Jahre Ehe daraus werden sehen wir dann aber die gleiche Intuiotion war auch da.

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